10 EURO HAARSCHNITT - EINE BRANCHE IM UNGLEICHGEWICHT

10_EURO.jpg

Der Wartebereich ist brechend voll, die Kunden schauen gelangweilt auf ihr Smartphone. Ein paar Meter daneben stehen vier in einer Reihe und trocknen sich die Haare, während ein klappernder Wagen mit Friseurutensilien hastig durch den Salon geschoben wird. Es herrscht eine gewisse Unruhe im Raum und dennoch reißt der Kundenstrom nicht ab. Der Grund prangt, gut lesbar, außen am Fenster des Salons: HAARSCHNITT 10 EURO. Ein solcher Preis ist schon längst eine Gewöhnlichkeit, die wohl bei niemandem mehr für Stirnrunzeln sorgen wird. Doch genau das bemängeln viele Friseure. Früher galt ein Friseurbesuch als ein Luxus, eine Auszeit, in der man nicht abgefertigt, sondern verwöhnt werden wollte. In unserer jetzigen, schnelllebigen Welt hat jedoch das Ryanair-Prinzip auch in der Friseurbranche stark an Bedeutung gewonnen - doch zu welchem Preis?


Ein oft genanntes Problem dieses seit Jahren stattfindenden Unterbietungswettbewerbs ist die Frage, ob ein solches Preismodell überhaupt dauerhaft tragbar ist. Bei Preisen von 10 Euro pro Haarschnitt ist klar, dass die Gewinnmarge eher dürftig ausfällt. Das bedeutet zwangsläufig, dass der Druck auf die Mitarbeiter wächst. Um die Rentabilität zu gewährleisten müssen sie deutlich mehr Kunden in weniger Zeit bedienen, als Friseure in einem traditionellem Betrieb. Fließbandarbeit und niedrige Löhne sind die Folge.


Diese Probleme haben weitreichende Konsequenzen. Die Zahl der neuen Friseurausbildungen erreichte 2018 einen neuen Tiefstand. Nur um die 20.000 Auszubildende entschieden sich für die Friseurlehre - über 4% weniger als im Jahr davor. Faire Löhne zu zahlen fällt vielen Inhabern jedoch zunehmend schwer, denn um auf dem hart umkämpften Markt überleben zu können, müssen viele Salons ihre Preise nach unten anpassen. Der Kunde profitiert, trotz der niedrigen Preise, nicht immer von dieser Billig-Offensive. Lange Wartezeiten müssen unweigerlich in Kauf genommen werden und für eine kompetente Beratung bleibt oftmals schlichtweg keine Zeit. Man ist versucht, den Verbraucher für diesen Trend verantwortlich zu machen. Der Vorwurf: Das Handwerk des Friseurs bekommt nicht die Wertschätzung, die es verdient - und wird somit auch in finanzieller Hinsicht nicht ausreichend honoriert.


Doch auch die Politik muss sich mehr mit dieser Problematik auseinandersetzen. Es hat lange gedauert, bis der gesetzliche Mindestlohn eingeführt wurde und auch wenn er allen Anschein nach nächstes Jahr abermals angehoben wird, übersieht man gerne mal, dass er für Azubis überhaupt nicht gilt. Und so müssen Friseurlehrlinge mit rund 400 Euro monatlich auskommen, in manchen Bundesländern sogar deutlich weniger. Nicht verwunderlich also, dass bei diesen Aussichten vielen jungen Menschen die Lust auf eine Friseurausbildung vergeht.

Bei all den Argumenten muss man sich aber auch die Frage stellen, ob das Friseur-Fließbandkonzept nicht doch auch seine Berechtigung hat. Es gibt Menschen die auf Wellness und Tratsch mit dem Friseur keinen besonderen Wert legen. Zack, der Haarschnitt ist fertig und dem Geldbeutel tut es auch nicht ganz so weh.


Wir sollten also vermeiden, eine kurzsichtige Betrachtungsweise zu entwickeln und unsere Aufmerksamkeit auf die vielen Fragen richten, die in diesem Zusammenhang aufkommen. Sollte beispielsweise die Aufklärung über diese Problematik innerhalb der gesamten Friseurbranche stärker thematisiert werden und ist dies überhaupt möglich? Wie sieht es mit den Verbrauchern aus, sollte es ihnen gegenüber ebenfalls eine bessere Aufklärung über die Bedeutung und die potentiellen Konsequenzen dieser 10 Euro Salons geben? Kann sich die Vielzahl von Verbrauchern mit einem niedrigen Einkommen heutzutage überhaupt einen Friseur von über 10 Euro leisten?


Bei unserer Zusammenarbeit mit Friseuren fällt trotzdem eines immer wieder auf: Der Friseur wird angetrieben von Leidenschaft. Die Entscheidung, die Schere in die Hand zu nehmen, basiert nicht auf Karrieregeilheit, sondern auf dem Streben nach Kreativität, Ästhetik und Zufriedenheit. Die Widrigkeiten des Berufs können die Verbraucher nicht eigenhändig beseitigen - aber sie können definitiv ihren Beitrag dazu leisten, indem sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen und bewusstere Entscheidungen treffen. Beim Umgang mit Plastik scheint es ja langsam auch zu klappen. Was denkt ihr darüber?


TENTAWORKS